Hormonersatztherapie: zwischen Wundermittel und Teufelszeug

Was Hormone nicht alles können! Sie halten jung, elastisch und fruchtbar, garantieren Schönheit und Leistungsfähigkeit. Umso schlimmer, wenn sie nach dem Wechsel plötzlich fehlen. Dass Hitzewallungen damit zusammenhängen, ist nichts Neues. Wer denkt aber bei schmerzenden Gelenken, Herzrasen und Angstzuständen oder bei trockenen Augen daran, dass deren Ursache bei fehlenden Geschlechtshormonen liegen könnte?
Wie faszinierend das Zusammenspiel der Geschlechtshormone im weiblichen Körper organisiert ist, welche Zusammenhänge zwischen hormonellen Verschiebungen und deren Auswirkungen auch den weiblichen Körper und dessen Seele bestehen, davon konnte frau sich am 2. März bei einem vom Gesundheitsforum Pfaffenhofen organisierten Vortrag überzeugen.
Die Referentin des Abends, Dr. Petra Martin, in der Ilmtalklinik belegärztlich tätige Frauenärztin, beschrieb nicht nur sämtliche Wirkungen, Risiken und Nebenwirkungen einer in den Wechseljahren begonnenen Hormonersatztherapie. Die würden sich auch andernorts nachlesen lassen. Es ging auch darum, aktuelle Studien, wie die WHI und die Million Women Study aus USA und England zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen. Unter großem Medienecho war dort betroffenen Frauen ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Herzkreislauferkrankungen bescheinigt worden.
Beim Anblick der statistischen Daten dieser Studien geht dem vorurteilslosen Zuhöerer auf, dass es wie immer nicht nur eine pauschale Antwort geben kann. Vielmehr geht es um das Abwägen von Risiken. Für Brustkrebs gibt es zunächst eine Art Basisrisiko. Dieses wird vom eigenen Alter definiert und steigt mit den Jahren bis zum Alter von 75. Für Frauen, die z.B. erst später oder gar nicht schwanger werden oder später in die Wechseljahre kommen, erhöht sich das Risiko zusätzlich. So etwas lässt sich freilich selbst wenig beeinflussen. Anders ist es mit Übergeweicht, Bewegungsmangel, Nikotin und Alkohol. Dadurch steigt wiederum das individuelle Risiko an. Zwar kommt da noch das Risiko durch eine Hormonersatztherapie dazu, was aber relativ gesehen nur einen Bruchteil davon ausmacht, was eine ungesunde Lebensführung zu einem erhöhten Brustkrebsrisiko beiträgt.
Aus diesem Grund wird heute kein Arzt mehr ohne Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen, Hormone verschreiben. Erst einmal braucht es dafür einen triftigen Grund: Ärzte sagen dazu, die Indikation muss stimmen. Das bloße Alter allein genügt nicht. Um das Risiko für Brustkrebs und Herzkreislauferkrankungen unter einer Hormontherapie nicht zusätzlich zu erhöhen, wird er eine Korrektur des Lebensstiles fordern. Dazu gehört auch eine Ernährung, die es der Tumorentstehung nicht so leicht macht.
Zur Hormontherapie selbst gibt es einige Regeln zu beachten: so wenig Hormone als möglich , vielleicht Pflaster statt Pillen, jährliche Überprüfung, ob die Hormontherapie vielleicht geändert werden sollte oder vielleicht ganz abgesetzt werden kann. Um das herauszufinden, sollten betroffene Frauen alle zwei bis drei Jahre einfach einmal eine Pause machen.
Wenn der Vortrag die zuhörenden Frauen zu einem selbstbewussten und mündigen Patiententum ermutigt hat, dann wäre das Ziel der Referentin erreicht worden. Eben Frauen darin zu bestätigen, Fragen zu stellen, das eigene Risiko für Erkrankungen im Alter realistisch einzuschätzen und dann gemeinsam mit ihrem Arzt die Konsequenzen daraus zu ziehen. Jede Frau ist anders und jede Frau verdient eine individuelle Therapie, sollten ihr die Wechseljahre Probleme bereiten. Die Zeiten der Gießkannentherapie sind endgültig vorbei.
Der Vortrag wird am 2. Juni in Reichertshofen noch einmal wiederholt.

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