Gut besuchter Vortrag über "Unruhige Kinder" in der Ilmtalklinik Pfaffenhofen

Im Rahmen des Gesundheitsforum der Vhs referierte Dr. Anne Witte in der Ilmtalklinik Pfaffenhofen über das Thema "Unruhige Kinder", das unter dem Begriff Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität, abgekürzt ADS und ADHS, zunehmend auch die Medien beschäftigt.
Frau Dr. Witte ist Ärztin für Psychotherapie und Psychoanalyse, analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Familientherapeutin. Sie beleuchtete das Thema aus der Sicht der Säuglingsforschung, der Neurobiologie und der Psychoanalyse.
Kinderpsychotherapeuten werden fast täglich mit den Problemen von Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, Aggression und Depression, Unkonzentriertheit, Schulversagen usw. konfrontiert, berichtet die Therapeutin. Es sind Kinder, die ständig in Bewegung sind, nicht stillsitzen können und nicht konzentriert bei einer Sache bleiben können. Es sind aber auch traurige Kinder.
"Ein Zitat von Goethe umreißt in aller Kürze meine Arbeit", so Dr. Witte: "Vieles kann erreicht werden durch Strenge, vieles durch Liebe, das Meiste jedoch durch Einsehen". Um dieses Einsehen, Einfühlen und Verstehen geht es in der Psychoanalyse, erklärt die Dozentin.

"Kein anderes Lebewesen ist so lange unselbständig und abhängig von einem Erwachsenen, wie der Mensch. Sein wichtigster Entwicklungsfaktor ist daher neben den Genen die Familie", führte Dr. Witte aus. Aus der Säuglingsforschung wisse man, dass das Kind von der Mutter gehalten und gespiegelt werden muss, um mit ihrer Hilfe eigene Gefühlsausdrücke in sich aufnehmen, Fantasien und neue Gefühle entwickeln, Erfahrungen umsetzen zu können. Hier ist die Mutter quasi die Haut, die all diese neuen Persönlichkeitsanteile des Kindes zusammenhält und zu einem "Ich" macht..
Das in den ersten zwei Jahren durch diese Wechselwirkung erworbene Vertrauen bildet die Basis für Selbstvertrauen, Selbstkontrolle und Selbsterleben. Der Mensch hat ein biologisch verankertes Bedürfnis, Nähe und sichere Bindung aufrecht zu erhalten; das ist eine Notwendigkeit zum Überleben, so notwendig wie Essen, Trinken und Schlafen. Wichtigster Faktor ist eine konstante, liebevolle Bezugsperson, in deren Sicherheit der Umgang mit Frustration und Aggression gelernt werden kann. Hier werden die Weichen fürs Leben gestellt.
Wenn dies dauerhaft nicht gegeben ist, kommt es, weil die zugrundeliegende Trauer und die Angst verlassen zu werden, nicht ausgehalten wird, auch im Gehirn, zu Gegenreaktionen und die Unruhe wird heftiger. Bei kleinen Kindern im Krankenhaus ist dies schon lange als Hospitalismus bekannt.
Dr. Anne Witte vertritt die These, dass "im unentwegten Austausch mit engen, liebevollen Bezugspersonen, das Kind ausreichend Selbstbewusstsein und Fürsorge für sich und andere entwickeln kann, es sich spüren und seinen Weg ruhig und gelassen gehen kann. Eltern, die selbst Trost und Aufmerksamkeit brauchen, tun sich mit dieser Aufgabe natürlich schwer und brauchen Unterstützung"!

Die Hirnforschung spielt in der analytischen Kindertherapie und in der Psychotherapie eine zunehmend wichtige Rolle. Seelische und körperliche Verletzungen ebenso wie Vernachlässigung in frühem Kindesalter hinterlassen messbare Erinnerungsspuren im Gehirn des Kindes.
In der neurobiologischen Medizin kann man heute mit neuen bildgebenden Verfahren den Stoffwechsel, speziell von Zucker und einigen Botenstoffen, in bestimmten Strukturen im Gehirn nachweisen. So unterscheiden sich die Bilder von missbrauchten und/oder vernachlässigten Kindern deutlich von denen geliebter und umsorgter Kinder, informiert die Referentin. Denn damit die Entwicklung des Gehirns angeregt und überhaupt vonstatten gehen kann, braucht ein Baby das Wechselspiel mit einer reifen Person.
Die Untersuchungen zeigen, dass seelische oder körperliche Gewalteinwirkungen oder Vernachlässigungen besonders während der ersten 18 Monate zu schwerwiegenden Veränderungen dieser, noch in der Entwicklung befindlichen Hirnregionen führen.
Das bedeutet, dass Nervenzellen nicht nur durch genetische Information, sondern genauso durch Impulse von außen gebildet werden. In den Synapsen, den Schaltstellen zwischen zwei Nerven, befinden sich die Produktionsstätten für verschiedene Neurotransmitter (Botenstoffe), unter anderem auch für Dopamin, das für die Bewegung zuständig ist. Fehlen entsprechende Impulse, kommt es in einer Art Kompensationsversuch zu einer deutlichen und messbaren Zunahme von Dopamin. Diese ist verantwortlich für Unruhe, Unkonzentriertheit und Impulsivität von ADHS - Patienten. Auch ein Zuviel an Reizen und schwere Belastungen können zu dieser Kompensierung führen. Dazu gehören Trennungen, fehlende Väter, Abweisungen und Vernachlässigung ebenso wie grenzenloser Fernsehkonsum, chronische Übermüdung und mangelnde körperliche Betätigung. Selbst die Geburt eines Geschwisterkindes kann sich bei einem sensiblen Kind negativ auf das Selbsterleben auswirken.
Ritalin und ähnliche Medikamente entleeren die Dopamin- Speicher, verhindern eine Wiederaufnahme und blockieren damit den Informationsfluss. Hyperaktive Kinder sind dann für zwölf bis 24 Stunden ruhig gestellt.
Aber gibt man Ritalin o. ä. zu früh, in der Phase der Hirnreifung, zu hoch dosiert, zu lange, oder bei falscher Diagnose, werden sich diese Hirnareale zeitlebens weniger stark entwickeln. Das Kind wird an seiner aktiven Entfaltung gehindert.

Leistungsdruck, Konkurrenzdenken und Hektik unserer Gesellschaft lassen Eltern und Kindern oft keine Chance. Wir alle seien von Beziehungslosigkeit bedroht. Psychotherapie gewährleistet eine Kontinuität in der Beziehung, hilft Vertrauen aufzubauen, Sorgfalt im Umgang mit Bedürfnissen und Respekt für sich und andere zu entwickeln. Das Patientenkind kann erleben, dass es Veränderungen selbst erreichen und Konflikte lösen kann ohne auf aggressive Verhaltensweisen oder Lernstörungen zurückgreifen zu müssen, wenn es sich verstanden fühlt.
Lt. Dr. Witte ist es problematisch, dass Erwachsene viel zu wenig auf ihre eigenen Gefühle achten, geschweige denn über diese reden, aber verlangen, dass die Kinder Rücksicht darauf nehmen sollen. Es mangelt also zunächst einmal an Aufmerksamkeit für Kinder.

Unruhige Kinder sind in einer Konflikthaftigkeit gefangen, welche die ganze Familie betrifft, sie sind die Symptomträger. Sie sind durch die unbewussten und damit nicht gelösten Probleme der Eltern in ihrer Einzigartigkeit als Individuen eingeengt. Sie scheinen den psychischen Konflikt in eine motorische Verhaltensweise umwandeln zu müssen, was den Eindruck eines hirnorganischen Defektes erzeugt. Sie lenken damit von psychischen und pädagogischen Problemen ab und entlasten damit die Eltern, die sie so dringend brauchen. Aber das ADHS eines Kindes kann auch eine Chance für die ganze Familie sein, wenn die Hintergründe erkannt werden.

In der psychoanalytischen Therapie geht es im Wesentlichen um folgende Möglichkeiten, einem "unruhigen Kind" und seinen Eltern zu helfen: Eine liebevolle Atmosphäre zu schaffen, daheim wie in der Therapie. Die Situation des Kindes verstehen und es nicht zum Sündenbock machen. Eine genaue Diagnostik unter Berücksichtigung des bisherigen und aktuellen sozialen Umfeldes erheben. Familiäre Konflikte erkennen und zusammen mit den Betroffenen neue Lösungswege finden. Es sei wichtig, dabei eine ständige Resonanz und Aufmerksamkeit auch für die Bezugspersonen zu haben. Der verloren gegangene Kontakt zur Umwelt muss wieder hergestellt werden. Die Integration des Kindes oder Jugendlichen in ein soziales Umfeld, in der Aufmerksamkeit besteht, und in der man sich sicher und geborgen fühlen kann, muss wieder gepflegt werden.
Eine Familientherapie hat den Vorteil, dass auch die Bezugspersonen ihr Bedürfnis und ihr Recht nach Resonanz und Aufmerksamkeit erleben können und gemeinsam die Umstände und das Umfeld ändern können. Denn sowohl im depressiven Rückzug (der Träumer) als auch in der Hyperaktivität war ja der Kontakt zur Umwelt verloren gegangen.

Im Anschluss an den informativen Vortrag nutzten zahlreiche Zuhörer die Gelegenheit, detaillierte und persönliche Fragen an die Referentin zu stellen.

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